Der  chronische  Schmerz

Jede Form von Schmerz, insbesondere bei längerer Dauer, hat erhebliche Auswirkungen auf das seelische Befinden, das seinerseits wieder in Wechselbeziehung zu dem Schmerz tritt und die Führungsrolle im Leiden übernimmt. Dem chronischen Schmerz kommt ein besonderer Stellenwert zu, da er in seiner biologischen und psychischen Dimension ein völlig anderes Krankheitsbild darstellt, als der akute Schmerz.

Der durch ein unmittelbar schädigendes Ereignis auftretende akute Schmerz stellt ein Alarmsignal dar und erstreckt sich auf genau definierte Organstrukturen.  Der Schmerzreiz wird von Rezeptoren aufgenommen, über nervale Leitungsbahnen und das Rückenmark zum Gehirn geleitet, dort in verschiedenen Zentren umgeschaltet und an die jeweiligen Zielorte weitergeleitet. Diese ermöglichen dann eine entsprechende motorische Reaktion und das Erkennen der Schmerzursache.  Im Gehirn wird der Schmerz als Erfahrung "abgespeichert", wobei eine längere oder repetitive Exposition das Schmerzgedächtnis ausbaut, das in den dafür vorgesehenen Arealen einen immer größeren Speicherplatz einnimmt.

In individuell unterschiedlicher Form kann es zu einer Situation kommen, in der beim Fehlen eines realen Schmerzreizes die Schmerzzentren im Gehirn sich verselbstständigen und ein quälendes Schmerzerlebnis vermitteln, das sich in der Wahrnehmung auf beliebige Organe beziehen und sehr lange oder dauerhaft anhalten an – ein chronischer Schmerz hat sich ausgebildet.

Typisch für diese Schmerzform ist neben dem Fehlen eines unmittelbaren Auslösemechanismus eine diffusere Wahrnehmung, die organische Strukturgrenzen überschreitet und in ihrem quälenden Charakter erhebliche Auswirkungen auf das gesamte körperliche und psychische Befinden mit sich bringt.

So führen chronische Schmerzen zu einer permanenten Anspannung, die ihrerseits schmerzhaft wird in Begleitung mit der schmerzbegleitenden inneren Gespanntheit das quälende Gefühl intensiviert.  Die Hilflosigkeit gegenüber dem Krankheitsprozess, die mit ihm verbundenen Einschränkungen an Aktivität und Entfaltungsmöglichkeiten bedingen depressive Verstimmungen, in denen die Fähigkeit zur aktiven Schmerzbewältigung zusätzlich reduziert ist.   Der chronische Schmerz stellt einen Dauerstressor dar mit der entsprechenden Produktion von Stresshormonen.  Deren Überwiegen bewirkt eine Fehlbalance im Haushalt der Botenstoffe, der Neurotransmitter, so dass Depressionen den Schmerz begleiten und in das Zentrum des psychischen Erlebens treten. Depression und Schmerz befinden sich in einem wechselseitigen Aufschaukelungsprozeß, führen zur langdauernden Arbeitsunfähigkeit, Aufgabe körperlicher und sozialer Aktivitäten und extremer Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit.

Fast immer ist der Nachtschlaf nachhaltig gestört, so dass der Betroffene nicht einmal nachts die notwendige Entspannung findet und gerade dann mangels Ablenkung durch das Tagesgeschehen besonders gequält wird.

 

Um die Schmerzen erträglich zu machen werden häufig in unkritischer Form Schmerzmittel und / oder Alkohol konsumiert. Die Medikamente lassen in ihrer Wirksamkeit nach, die Dosis wird erhöht bis eine Abhängigkeit das Krankheitsgeschehen kompliziert.

 

Therapie

 

Auch wenn die Einnahme bestimmter, auf den Schmerzcharakter abzustimmender Schmerzmittel oft unumgänglich ist wird hierdurch alleine keine nachhaltige Linderung erzielt.  Der chronische Schmerz stellt ein komplexes psychisches und körperliches Geschehen dar und muss unter Einbeziehung aller Aspekte therapiert werden - ein langwieriger, mühsamer aber durchaus Erfolg versprechender Weg, auf dem zumindest eine deutliche Schmerzreduktion mit Zugewinn an Lebensqualität erreicht wird.

Nach genauer Identifikation des Schmerzgeschehens (Schmerzcharakter, Schmerzskalen etc) und seiner Zusammenhänge mit den individuellen psychosozialen Randbedingungen, die mit in das Leiden einspielen, müssen die permanenten Spannungszustände reduziert werden, um die durch die Anspannung bedingte Zunahme der Beschwerden zu reduzieren.  Gestufte Übungen zur Aktivität werden ebenso sinnvoll sein wie andere verhaltensmedizinische Übungen, deren Spektrum von Ablenkungstechniken bis zur Selbsthypnose reichen kann, jeweils möglichst individuell auf den Betroffenen abgestimmt.  Das sich primär im Gehirn abspielende Schmerzsyndrom, das in alle möglichen Organe projiziert wird, muss mit dem Ziel therapiert werden, den Speicher des Schmerzgedächtnisses zu modifizieren.

Die dem chronischen Schmerz immanente Depressivität muss einer Begleitbehandlung mit Antidepressiva zugeführt werden. Die hier zur Verfügung stehenden Präparate bringen keine weiteren Gefahren mit sich und erleichtern die Schmerzverarbeitung, da die "Qual des Schmerzes" gelindert und die destruktiven Einflüsse auf den Neurotransmitterhaushalt reduziert werden können.

In bestimmten Fällen der Schmerzchronifizierung kann eine pharmakologische keine ausreichende Linderung erzielen. Hier bietet sich die Möglichkeit einer Behandlung mit Hypnose an oder - je nach Situation und Klinischem Bild - eine Veränderung der kompplexen Schmerzged&oaumlchtnisses durch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ((s.d. )). Die so angestoßenen Selbstheilgrozesse des Gehirns erreichte Linderung kann oft dann durch Hypnose im Unbewussten verankert werden.

 

Der chronische Schmerz, der bei entsprechender Dauer und Intensität die Tiefen der Persönlichkeit verändert, kann nur in wenigen Fällen völlig "wegtherapiert" werden. Es ist jedoch fast immer möglich, eine deutliche und entlastende Reduzierung der Schmerzen zu erreichen und so Aktivität und Lebensqualität zurück zu gewinnen.